Redebeitrag zum Gedenken an Ramazan Avci

Gehalten auf der Gedenkkundgebung „Kein Schweigen! Kein Vergessen!“ am 21.12.2018 in Hamburg.

Am 21.12.1985 wurde Ramazan Avcı zusammen mit seinem Bruder und einem Freund am Bahnhof Landwehr aus einer bekannten Skinheadkneipe heraus angegriffen. Sein Bruder und der Freund konnten in letzter Sekunde in einen Linienbus fliehen, der ebenfalls von den Neonazis angegriffen wurde. Ramazan Avcı rannte auf die Fahrbahn und wurde von einem Auto erfasst und meterweit durch die Luft geschleudert. Nach dem er auf der Straße aufschlug, liefen mindestens drei Neonazis auf ihn zu. Ramazan Avcı wurde auf dem Boden liegend mit Baseballschlägern, Axtknüppeln und Fußtritten brutal malträtiert und verstarb am 24.12.1985 an den Folgen dieser Schläge im Krankenhaus. Wenige Tage später wurde sein Sohn geboren, der nach ihm benannt wurde.

2018: Redebeitrag zum Gedenken an Ramazan Avci

Liebe Gülistan und lieber Ramazan, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde von Ramazan, liebe Ramazan-Avci Initiative, liebe Anwesende,

Das Erinnern

Gedenken ist immer auch ein Erinnern an Gewalt. Und es macht gewalttätige Strukturen sichtbar. Strukturen, die diese Gesellschaft prägen, Hetzreden und Pogrome und Morde ermöglichen. Rechte, rassistische und neonazistische Strukturen. Strukturen von Damals. Strukturen von Heute.

Denn die Probleme heißen nach wie vor: Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus. Es geht nicht um Religion, es geht nicht um Integration, es geht nicht um einzelne Täterinnen und Täter. Es geht zum Beispiel um Rassismus als eine Struktur, als eine Organisationsform dieser Gesellschaft. Über Rassismus schweigt man sich nach wie vor gerne aus. Unsere Aufgabe als Antirassistinnen und Antifaschistinnen sehen wir darin, dieses Schweigen zu unterbrechen.

Gedenken ist nichts Abstraktes. Gedenken ist immer mit den Menschen verknüpft, an die gedacht wird. Es geht um die Menschen, die fehlen; darum, sie sichtbar zu machen. Darin seid ihr als Angehörige und Überlebende unverzichtbar. Darin sind wir auf euch angewiesen.

Gesprochen wird vielleicht über die Tat. Aber selten über die Ermordeten. Wer waren sie? Wie möchten sie erinnert werden? Wie möchtet ihr als Angehörige, dass an sie erinnert wird? Wie möchten ihre Angehörigen, dass in der Öffentlichkeit an sie erinnert wird? Denn euer Gedenken kann manchmal, auf einmal, sehr öffentlich werden.

Gedenken ist persönlich und darin auch politisch. Gedenken trägt viele Facetten in sich: Wut und Stille, Trauer und Verzweiflung. Im Gedenken und Erinnern gibt es Brüche, Veränderungen und Unterschiede. Die Erinnerungen an die Ermordeten, die Erinnerungen an die Nacht, den Tag, die Erinnerungen an das Davor und das Danach sind für euch wahrscheinlich weder vorhersehbar noch planbar. Genauso wenig sollte Gedenken statisch und formelhaft sein.

Alle, die an eurer Seite sein wollen, sollten das aushalten können.

Deshalb sollten eure Vorstellungen, die Vorstellungen der Überlebenden, der Angehörigen und Freunde, der Ermordeten Maßstab für Gedenken sein. Einigen von Euch ist es möglich, von dem Geschehenen zu erzählen. Einigen von Euch fällt es schwer. Eure Stimmen sind wichtig. Wir wollen sie hören. Einige ziehen es vor, ihr eigenes Gedenken nicht zu öffentlich zu zeigen und sich der Logik immer wiederkehrender Rituale zu entziehen. Dies respektieren wir.

Gülistan, du hast 2012 in einem Interview gesagt: „26 Jahre hat mich niemand nach meiner Geschichte gefragt.“ Wir fragen dich nach deiner Geschichte und wenn du darüber sprechen möchtest, sind wir da, um sie zu hören. Zu hören, was dich und Ramazan heute bewegt. Ibrahim Arslan sagt: „Wir haben Sehnsucht, euch unsere Geschichten zu erzählen.“ Und wir wollen da sein, um euch zu hören.

Eure Geschichten sind eine deutliche Forderung nach Gerechtigkeit. Eure Geschichten verändern und verwandeln gegenwärtige Erzählungen. Eure Geschichten berichten davon was Ungerechtigkeit ist, und wie Gerechtigkeit aussehen kann. Erst wenn wir andere Geschichten erzählen und ihnen zuhören, können wir auch die Spielregeln dieser Gesellschaft verändern. Ihr verschafft euch Gehör. Ihr fordert Antworten. Ihr fordert heraus.

Unsere Aufgabe als Antirassistinnen und Antifaschistinnen sehen wir darin, Orte des Sprechens, des Erinnerns und der Begegnung mit zu schaffen. Orte, die jenseits staatlicher aber auch von der Szene inszenierter Erinnerungszeremonien liegen. Unser Zusammensein heute hier kann so ein Ort sein. Genauso wie unser Zusammensein beim Offenen Gedenken vor dem Haus in der Mühlenstraße in Mölln. 2017 hast du, Gülistan, dort sehr klare Worte zu den Anwesenden gesprochen und die Fortdauer des Rassismus benannt. Wir möchten viele solcher Orte schaffen, an denen Betroffene rassistischer und neo-nazistischer Gewalt über ihre Gesellschaftskritik, ihre Verletzungen und ihre verlorenen Lieben sprechen können, genauso wie über ihre Wünsche.

Gülistan, du hast jahrzehntelang darum gekämpft, Ramazans Ermordung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und hast deine Wünsche zum Gedenken zum Ausdruck gebracht. Zusammen mit der Ramazan Avci Initiative habt ihr es geschafft, dass dieser Platz vor der S-Bahn Station Landwehr im Dezember 2012 in Ramazan-Avci-Platz umbenannt wurde. Dafür habt ihr unseren größten Respekt.

Das Erkämpfen

Oft taucht die Frage auf, warum das Erinnern erkämpft werden muss? Erkämpft, weil es oft um den Versuch geht, Gedenken und Erinnern ohne die Vorstellungen der Überlebenden und Angehörigen zu inszenieren. Nicht nur von staatlicher Seite.

Das gilt auch für uns als linke Antifaschistinnen und Antifaschisten. Jahrzehntelang richteten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Täter*innen und die Recherche. Die Perspektive der Überlebenden und unmittelbar Betroffenen spielte häufig keine Rolle. Das gilt es zu verändern: Betroffene haben eigene Vorstellungen, die sie klar benennen und auch umsetzen. Sie verschaffen sich Gehör. Sie fordern Antworten. Sie fordern heraus. Allein Bereitschaft für diese Auseinandersetzung zu signalisieren, wäre schon ein Anfang. Denn gemeinsam Position zu beziehen, bedeutet Vieles zu hinterfragen.

Die Hauptzeugen

Ibrahim sagt immer: „Überlebende sind keine Statisten. Überlebende sind Hauptzeugen des Geschehens.“ Ihr sollt Hauptakteure und Hauptakteurinnen des Gedenkens sein, das Gedenken selbst gestalten und darin eine tragende Rolle spielen – so ihr es wollt und leisten könnt. Als Betroffene seid ihr die Hauptzeugen des Geschehenen: nicht nur vor Gericht als Nebenkläger*innen oder in euren Verfahren auf Opferentschädigung. Dort können zwar Räume für Auseinandersetzungen eröffnet werden, aber eben nur in juristischer Logik. Die Begrenztheit dessen konnten wir leider mehr als deutlich im NSU-Prozess sehen. Vielmehr stellt sich die Frage, was Hauptzeug*innen des Geschehenen zu sein im Alltag bedeutet, in der politischen Arbeit, in der Gestaltung von Gedenken und in der andauernden Auseinandersetzung um Rassismus? Das sind Diskussionen für uns alle.

Die Solidarität

Solidarität in diesen Zeiten bedeutet für uns, den Betroffenen zu begegnen. In ihrem Alltag. Auf Augenhöhe. Auf Austausch bedacht. Mit offenen Ohren. Und weitem Herzen. Die Trauer, die Wut, das Trauma auszuhalten. Es gibt nicht den oder die Betroffene. Es gibt viele Erfahrungen und Geschichten. Viele Verletzungen. Viele Wünsche und Bedürfnisse. Viele Perspektiven. Sie gilt es zu hören. Aus der Vereinzelung zusammenzubringen. Zu vernetzen. Und so Erinnerungspolitiken herauszufordern. Als Kollektiv in der Vielfalt.

Es gibt noch viel zu tun.

Niemand wird vergessen

Hiç unutmadık, unutmayacağız!

Reclaim and remember!

Kein Schlussstrich

„Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag von Mölln 1992“