Redebeitrag zum Gedenken an den Brandanschlag in der Hafenstr. in Lübeck

Gehalten auf der Demonstration „Gedenken & Anklagen“ am 19. Januar 2019 in Lübeck. Vor 23 Jahren, in der Nacht zum 18. Januar 1996 wurden in Lübeck bei einem Brandanschlag in der Hafenstraße 10 Menschen von Neonazis ermordet, 7 davon waren Kinder. 38 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

2019: Redebeitrag zum Gedenken an den Brandanschlag in der Hafenstr. in Lübeck

Liebe Familien Bunga, Makudila, El Omari und Amoussou, lieber Victor Atoe, liebe andere Betroffene, liebe Freundinnen und Freunde der Familien, liebe Hafenstrasse 96 Gedenken&Anklagen Initiative, liebe Anwesende,

wissen Sie wovon ihre Kinder gerade träumen? Was sie heute gespielt haben? Worüber sie vielleicht gestritten haben? Was wollten Nsuzana, Christine, Miya, Christelle, Legrand, Jean-Daniel und Rabia werden? Wovon haben sie geträumt? Womit haben sie gespielt? Worüber haben sie sich unterhalten? Was haben Monica, Françoise und Sylvio gemacht, gedacht, gehofft? Wie geht es den anderen Bewohnenden, die zum Teil schwer verletzt wurden heute? Was bewegt sie?

So viele Fragen. Fragen, auf die es nur schwer Antworten gibt. Weil es so viele offene Fragen zum Brandanschlag in Lübeck gibt. Und einige sind bis heute nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Nur einige Probleme bleiben immer gleich: zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus. Es geht nicht um Asylpolitiken, es geht nicht um Integration, es geht nicht um einzelne Täterinnen und Täter. Es geht zum Beispiel um Rassismus als eine Struktur, als eine Organisationsform dieser Gesellschaft. Leben und Gesundheit werden in diesem Land immer noch ungleich behandelt. Ein rechtsradikaler AfDler mit blauem Auge rüttelt Politik und Gesellschaft auf. Wer fragt zwei Wochen später noch, wie es den zum Teil schwer Verletzten der Anschläge von Bottrop geht? Einige von ihnen hatten wie die Menschen, die hier ermordet und verletzt wurden, nach Sicherheit gesucht und wurden dafür angegriffen. Über Rassismus schweigt man sich nach wie vor gerne aus. Unsere Aufgabe als Antirassistinnen und Antifaschistinnen sehen wir darin, dieses Schweigen zu unterbrechen.

Zu erinnern und zu gedenken, unterbricht dieses Schweigen.

Gedenken ist immer auch ein Erinnern an Gewalt. Und es macht gewalttätige Strukturen sichtbar. Strukturen, die diese Gesellschaft prägen, Hetzreden und Pogrome und Morde ermöglichen. Rechte, rassistische und neonazistische Strukturen. Strukturen von Damals. Strukturen von Heute.

Gedenken ist nichts Abstraktes. Gedenken ist immer mit den Menschen verknüpft, an die gedacht wird. Es geht um die Menschen, die fehlen; darum, sie sichtbar zu machen. Darin sind wir auf euch, die Angehörigen und Überlebenden, angewiesen. Gesprochen wird vielleicht über die Tat. Aber selten über die Ermordeten. Wer waren sie? Wie möchten sie erinnert werden? Wie möchtet ihr als Angehörige, dass an sie erinnert wird? Was haben Monica Bunga und ihrer Tochter Nsuzana an dem Tag gespielt? Wie haben Françoise Makudila und ihre Kinder Christine, Miya, Christelle, Legrand und Jean-Daniel den Tag verbracht? Hat Rabia El Omari an dem Tag Fußball gespielt? Was wollte Sylvio Amoussou machen?

Gedenken ist persönlich und darin auch politisch. Gedenken trägt viele Facetten in sich: Wut und Stille, Trauer und Verzweiflung. Im Gedenken und Erinnern gibt es Brüche, Veränderungen und Unterschiede. Die Erinnerungen an die Ermordeten, die Erinnerungen an die Nacht, den Tag, die Erinnerungen an das Davor und das Danach sind für die Betroffenen wahrscheinlich weder vorhersehbar noch planbar. Genauso wenig sollte Gedenken statisch und formelhaft sein.

Alle, die an eurer Seite sein wollen, sollten das aushalten können.

Deshalb sollten die Vorstellungen der Überlebenden, der Angehörigen und Freunde, der Ermordeten Maßstab für Gedenken sein. Einigen von Euch ist es möglich, von dem Geschehenen zu erzählen. Einigen von Euch fällt es schwer. Eure Stimmen sind wichtig. Wir wollen sie hören. Wir wollen eure Geschichten hören. Wir wollen hören, was euch bewegt.

Indem ihr eure Geschichten erzählt, unterbrecht ihr dieses Schweigen.

Eure Geschichten sind eine deutliche Forderung nach Gerechtigkeit. Eure Geschichten werden gegenwärtige Erzählungen verändern und verwandeln. Eure Geschichten berichten davon was Ungerechtigkeit ist, und wie Gerechtigkeit aussehen kann. Erst wenn wir andere Geschichten erzählen und ihnen zuhören, können wir auch die Spielregeln dieser Gesellschaft verändern. Ihr verschafft euch Gehör. Ihr fordert Antworten. Ihr fordert heraus.

Unsere Aufgabe als Antirassistinnen und Antifaschistinnen sehen wir darin, Orte des Sprechens, des Erinnerns und der Begegnung mit zu schaffen. Orte, die jenseits staatlicher aber auch von der Szene inszenierter Erinnerungszeremonien liegen. Unser Zusammensein heute hier kann so ein Ort sein. Wir möchten viele solcher Orte schaffen, an denen Betroffene rassistischer und neo-nazistischer Gewalt über ihre Gesellschaftskritik, ihre Verletzungen und ihre verlorenen Lieben sprechen können, genauso wie über ihre Wünsche.

Die Solidarität

Solidarität in diesen Zeiten bedeutet für uns, den Betroffenen zu begegnen. In ihrem Alltag. Auf Augenhöhe. Auf Austausch bedacht. Mit offenen Ohren. Und weitem Herzen. Die Trauer, die Wut, das Trauma auszuhalten. Es gibt nicht den oder die Betroffene. Es gibt viele Erfahrungen und Geschichten. Viele Verletzungen. Viele Wünsche und Bedürfnisse. Viele Perspektiven. Sie gilt es zu hören. Aus der Vereinzelung zusammenzubringen. Zu vernetzen. Und so Erinnerungspolitiken herauszufordern. Als Kollektiv in der Vielfalt.

Es gibt noch viel zu tun. Niemand wird vergessen – Reclaim and remember! – Kein Schlussstrich

„Freundeskreis im Gedenken an den rassistischen Brandanschlag von Mölln 1992“